Das Büro als Bewegungsraum

Der zunehmende Bewegungsmangel gerade innerhalb der Gruppe der Knowledgeworker gilt inzwischen als Ursache Nummer eins für fast alle Zivilisationskrankheiten. Mehr Bewegung ist das neue Gebot für gesunde Büroarbeitswelten. Aber Achtung! Mit ergonomischen Bürostühlen und höhenverstellbaren Bürotischen im Office wurde nur der erste Schritt gemacht. Büroprozesse werden optimiert, um die körperlichen Belastungen zu reduzieren. Statt Akten wälzen, Ordner schleppen, Post- und Botengängen ist nur noch die Bewegung der Finger gefordert, um die Büroarbeit zu bewältigen. Und das Ergebnis? Die Menschen im Büro werden immer kränker! Die Mitarbeitergesundheit wird immer mehr zum Flaschenhals der Unternehmensentwicklung. Es ist höchste Zeit, die bisherigen Grundlagen der Arbeitswelt und deren Gestaltung kritisch zu hinterfragen.

Die neuen Erkenntnisse aus der Gesundheitsforschung unterstreichen die vitale Bedeutung von physischer Aktivität während der Arbeitszeit im Büro für die biologischen Stoffwechselprozesse. Weil aber Kalorienknappheit in der Evolution der Normalfall ist, bewegt man sich nur, wenn es unbedingt sein muss. Das erklärt die vorherrschende Bewegungsfaulheit gerade und im Speziellen im Büro, die durch den technologischen Fortschritt zum komatösen Bewegungsmangel geworden ist: Gebäudeautomation und passive Mobilität ebenso wie Computer, Laptop, Tablet, Smartphone und Co. maximieren Erreichbarkeit (und mentale Dauerbelastung) und minimieren gleichzeitig den Bewegungsraum, der zu ihrer Bedienung erforderlich ist. In einer fatalen Symbiose dazu verbannen viele „Lean“-Konzepte in der Arbeitswelt Bewegungen und Wegstrecken als „nicht produktiv“ aus Prozessen und Gebäuden.

Die Muskulatur bildet sich zurück und der gesamte Skelett- und Gelenkapparat wird destabilisiert. Stressforscher sehen in der mentalen Überlastung bei gleichzeitiger körperlicher Unterforderung sogar eine besonders kritische Kombination: Bei Stress werden Hormone und Neurotransmitter ausgeschüttet, die den Organismus in Alarmbereitschaft und die Muskulatur unter Spannung setzen. Wird diese Disposition, speziell im Büro nicht in Bewegung umgesetzt, kommt es zu dauerhaften Schädigungen des Stoffwechselsystems bis hin zu depressiven Störungen und Burnout-Syndrom. Die Folge: der dramatische Wegfall wertvoller Mitarbeiter:innen und die Zunahme von ernst zunehmenden Krankheiten für die Menschheit. Die Förderung körperlicher Aktivität durch entsprechend gestaltete Raumprogramme hat dadurch direkte, positive Auswirkungen auf Mitarbeitergesundheit und betriebliche Performance.

Unternehmen investieren oft viel Geld im „Betrieblichen Gesundheitsmanagement“, um Mitarbeiter:innen zu mehr Bewegung im Privatleben zu animieren – mit oft frustrierenden Ergebnissen. Ist es deshalb nicht viel naheliegender und wirtschaftlicher, die Bewegung wieder in die Büroräume und in die Prozesse zurückzubringen, als zu versuchen, die Versäumnisse außerhalb der Arbeitszeit zu kompensieren? Das beginnt bei mehr Bewegung am Schreibtisch, führt über Meetings im Stehen und körperliche Aktivierung bei Workshops und Seminaren bis zur bewussten Wegeverlängerung oder zur beschränkten Aufzugsnutzung und als Ultima ein eigener Bewegungsraum im Büro. Neue Bürokonzepte stellen deshalb nicht mehr den festen Arbeitsplatz, sondern den Umgebungswechsel in den Mittelpunkt! Entzerrung statt Verdichtung, Anreicherung statt Reduktion, Stimulation statt Restriktion, Begegnung statt Trennung – das sind die neuen Leitbegriffe für die Gestaltung gesunder Arbeitswelten. Ob mit Treppen, Stegen,
Plätzen, abwechslungsreichen „Landschaften“ oder gezielter Lichtlenkung – im Verständnis von Gebäuden als Bewegungsräumen liegt einer der wichtigsten Schlüssel für gesunde, motivierende und leistungserhaltende Bürokonzepte!